»Meine Mutter war für mich tot«

Vor 30 Jahren fiel die Mauer – und fast genauso lang blieb unausgesprochen, was zwischen Ines Thaller und ihrer Mutter stand. Die hatte ihre Tochter, damals Punk, mit 15 in ein Umerziehungsheim gebracht. Jetzt versuchen beide, das Geschehene aufzuarbeiten

BRIGITTE, November 2019

Ines Thaller weinte nicht, als ihre Mutter sie ins Heim gab. Es war der 19. August 1985, sie weiß noch, dass es ein warmer Tag war und bewölkt. Und dass sie der Mutter nicht „Tschüss“ sagte, als sie in Berlin-Pankow aus der Tram stieg. Sie lief dann allein zum Wohnheim der Jugendhilfe, dem Ort, an dem man sie zu einer sozialistischen Persönlichkeit umformen sollte: Ines Thaller, 15, die Haare schwarz gefärbt und auftoupiert, Punk.

34 Jahre und eine Woche später sitzt Ines Thaller, 49, neben ihrer Mutter Dagmar M., 78, in der Beratungsstelle „Gegenwind“ in Berlin-Moabit, der bundesweit einzigen Einrichtung für Menschen, die durch staatliche Repressionen in der DDR-Zeit traumatisiert wurden. Menschen wie Ines Thaller, die mit brutalen Methoden in einem Jugendheim unerzogen werden sollte. Manche, die hier in den vergangenen 21 Jahren – so lange gibt es die Einrichtung – Rat gesucht haben, haben nie einen Beruf erlernt, weil sie auf staatlichen Druck hin früh aus der Schule genommen worden waren. Andere wissen bis heute nicht, wer ihre leiblichen Eltern sind, sie wurden zwangsadoptiert.

Den beiden Frauen gegenüber sitzt Bettina Kielhorn, eine der drei Therapeutinnen von „Gegenwind“. Seit etwa drei Jahren analysiert sie gemeinsam mit Ines Thaller, was dieser widerfahren ist. Seit einem Jahr kommt auch Dagmar M. dazu, Ines’ Mutter. Insgesamt sechs Mal treffe ich mich mit Ines Thaller in Berlin, immer in der Beratungsstelle, weil sie sich dort wohl fühlt. Nach dem fünften Gespräch willigt sie ein, dass auch ihre Mutter dazu kommt. Dagmar M. stimmt ebenfalls zu. Die nachfolgenden Dialoge stammen aus dieser Begegnung. Es hat lange gebraucht, Ines Thallers Vertrauen zu gewinnen, die ersten vier Gespräche dauern jeweils acht Stunden; meist spricht sie langsam, als wollten sich ihre Worte den Platz zurückholen, der ihnen zusteht.

Ines Thaller kam im Sommer 1970 auf die Welt. Nach zwei Wochen ging ihre Mutter wieder arbeiten, sie war Reiseverkehrskauffrau, organisierte Reisen aus dem westlichen Ausland in die DDR, ein Bereich, für den nur Mitarbeiter*innen der Staatssicherheit in Frage kamen. Sie achtete darauf, was die Kolleg*innen redeten; sprachen sie zu positiv über den Westen, meldete sie es.

Dagmar: Meine Mutter war Kriegswitwe mit zwei Kindern, die Nazis hatten meinen Vater noch 1944 eingezogen. Ich dachte: Wenn ich bei der Stasi mitmache, geht es mir einmal besser.

Ines: Ich wusste damals nicht, dass du bei der Stasi warst.

Ines’ Vater war Elektroingenieur und alkoholkrank, oft schlief er vor seiner Schnapsflasche ein, statt seine Tochter vom Kindergarten abzuholen. Es gab wenig Halt in dieser Familie, Ines zog sich zurück, bastelte Ohrringe aus Taubenfedern und Büroklammern, las in der Bibliothek „Die Glückspilze“, eine Geschichte über Zirkuskinder, die ohne Vater aufwachsen.

Dagmar: Irgendwann wog ich nur noch 50 Kilo. Auf der Arbeit machten sie mir immer wieder klar: Bekommen Sie das mit diesem Alkoholiker in den Griff.

Als Ines Thaller zehn war, 1980, trennten sich die Eltern, der Vater blieb aufgrund des Wohnungsmangels, der damals in der DDR herrschte, zu Hause wohnen. Er trank weiter, die Mutter schloss die Türen ab, erst nur die zum Schlafzimmer, dann auch die anderen. „Ich bin an jeder Wand angestoßen, es gab für mich nur noch den Weg nach draußen“, sagt Ines Thaller. Es ist ein für sie typischer Satz, kompromisslos und bildstark. So, wie es ihre ganze Erscheinung ist, mit ihren schwarzen Haaren, den bunten Kleidern und der tätowierten Hexe auf ihrem Dekolleté, die für sie Mutter Erde symbolisiert.

Mit 14 floh sie an den Ort, an dem sich die Andersdenkenden trafen, den Alexanderplatz. Sie lernte Patrick kennen, einen 21-jährigen Punk aus Westberlin. Mit ihm stromerte sie durch die Straßen, tanzte heimlich zu Joy Division, Anne Clarke und David Bowie und erzählte ihm von ihren Träumen: dass sie Goldschmiedin werden wollte oder Schneiderin. Dass in diesem Staat noch andere Farben wären außer dem ewigen Grau.

Dagmar: Als du mit diesem Freund ankamst, begann eine schlimme Zeit für mich. Erst der alkoholkranke Mann, dann eine aufsässige Tochter, die den Westen mehr im Auge hatte als sie durfte.

Ines: Ich war gut in der Schule und bin abends manchmal weggegangen. Das macht jede 15-Jährige so.

Dagmar: Ich habe es dir immer wieder gepredigt, bitte ändere dein Verhalten, ein halbes Jahr habe ich es dir immer wieder gesagt.

Ines: Das war keine Predigt, das war eine Drohung. Ich wäre daran zerbrochen, mich diesem Staat zu fügen.

Sie toupierte sich die Haare mit Zuckerwasser und tuschte sich die Wimpern mit Schuhcreme. Patricks zerrissene Levis-Jeans trug sie, bis ihre Mutter sie wegwarf.

Ines: In der Punkszene habe ich das erste Mal verstanden, dass ich nicht falsch bin, und dass da noch andere sind, die mit diesem Staat ein Problem haben. Auch wenn wir über Politik gar nicht gesprochen haben. Es waren ja überall Spitzel, auch unter uns.

Bleib drei Meter hinter mir, forderte ihre Mutter, wenn sie mit ihrer Tochter auf die Straße ging. Halte dich von unserer Tochter fern, wüteten die Eltern einer Freundin, nachdem Ines ihr die Haare pink gefärbt hatte. Das ist kapitalistischer Dreck, schimpfte die Klassenlehrerin, als sie sie mit einem Otto-Katalog erwischte. Sie hatte keine Verbündeten in der Welt der Erwachsenen, nur Gegnerinnen. Die Mächtigste war ihre eigene Mutter. Dagmar M. informierte gemeinsam mit der Klassenlehrerin die Jugendhilfe – eine Einrichtung, die zum DDR-Ministerium für Volksbildung gehörte und Jugendliche zu einer „sozialistischen Persönlichkeit“ umerziehen sollte.

Dagmar: Auf der Arbeit sagten sie mir, du musst jetzt auch das mit deiner Tochter regeln. Deswegen habe ich mich an die Lehrerin gewandt, ich brauchte Hilfe.

Auf die Frage, ob sie damals wusste, welche Folgen das haben würde, wiegelt Dagmar M. ab: Sie habe handeln müssen, die Tochter war so renitent. Am 2. August 1985 notierte die Jugendhilfe auf Ines’ Akte unter den Einweisungsgründen: „Gestörte Mutter-Kind-Beziehung (Ines gibt Mutter Schuld an familiärer Situation und spielt Erwachsensein), hat einen Westfreund.“ Dauer der Einweisung: „unbegrenzt“. Die Mutter unterschrieb. Ines Thaller sagt: „Ab da war sie für mich tot.“

Ines: Am Anfang hieß es noch, dass ich in zwei Monaten wieder nach Hause könnte, wenn ich mich an die Auflagen halten würde.

Dagmar: Die anderen Kinder haben es doch auch hinbekommen, haben sich angepasst, warum konntest du das nicht?

Ines: Dieser Staat war wie ein Krake, der mit seinen Armen überall war. Man kam nicht durch.

Zunächst kam sie in ein Wohnheim in Berlin-Pankow. Auch dort blieb sie nachts weg, um mit ihren Freunden durch Ostberlin zu streifen. „So ein schönes Mädchen und nichts dahinter“, sagte die Heimleiterin. Nach einem Jahr überstellte die Jugendhilfe sie „aufgrund der verfestigten Fehlentwicklung“ zur „Fortsetzung des Umerziehungsprozesses“ in einen Jugendwerkhof – eine militärisch organisierte Einrichtung mit stalinistischem Konzept: Der Einzelne verlor beim Eintritt in das Erziehungskollektiv all seine Rechte und konnte sie sich nur durch Anpassung zurückerkämpfen. Erzogen wurde mit Gummiknüppeln, Essensentzug und Isolierhaft. Ende der 80er-Jahre gab es in der DDR noch 41 solcher Einrichtungen.

Die Überstellung glich einem geheimen Kommando. Ines Thaller wurde, nachdem sie die Nacht über weggeblieben war, auf dem Weg ins Wohnheim von der Polizei gestellt. Sie drehten ihr die Arme auf den Rücken und stießen sie in einen Transporter, auf dem „Ostsee-Fisch – frisch auf dem Tisch“ stand, zur Tarnung. Sie kam in das Durchgangsheim Alt-Stralau, musste sich ausziehen, wurde mit Wasser abgebraust. Danach gaben sie ihr einen alten Trainingsanzug und führten sie in eine Zelle mit vergittertem Fenster und einem Eimer in der Ecke. Tagsüber wurden alle Kinder gemeinsam unterrichtet, das Niveau entsprach der 5. Klasse, danach sortierten sie Backformen in die Kartons von „Muttis Backhilfe“. Dabei herumzualbern war verboten; als Ines Thaller es doch einmal tat, bekam sie kein Essen. Als sie lebensbedrohliches Fieber bekam, rief ein Erzieher ihr zu: Du simulierst. „Da dachte ich: Jetzt sterbe ich“, sagt Ines Thaller.

Nach ein paar Monaten kam sie in den Jugendwerkhof nach Brand-Erbisdorf bei Chemnitz. Wieder duschten sie sie ab, wieder schlief sie in einer Zelle mit vergittertem Fenster und einem Eimer, wieder musste sie arbeiten, sie setzte neun Stunden am Tag Lampen zusammen. Ein paar Mal gab es „Heimurlaub“, Ines Thaller fuhr dann zu ihrer Mutter, sprach kaum ein Wort mit ihr und zog sofort wieder los, zu ihren Freunden in die Hinterhöfe Berlins. Wenn die Jugendhilfe ihre Mutter fragte, wie sie sich benommen habe, antwortete diese ehrlich. Die Jugendhilfe sperrte sie dann für den nächsten Urlaub.

Ines: Du hast weiter gemeldet, was ich „falsch“ gemacht habe.

Dagmar: Ich habe nicht geahnt, was sie dir da angetan haben.

Ines: Aber geglaubt hast du es mir auch nicht, als ich es dir erzählt habe.

Einmal versuchte sie zu fliehen, danach sperrten sie sie in eine Isolierzelle, darin Betonboden, ein Eimer und ein Holzbrett, das die Erzieher, die eher Schließer waren, um 22 Uhr herunter und um 6 Uhr wieder hoch klappten. Als sich ein Mädchen das Leben nahm, durfte niemand trauern. Suizid galt als Klassenverrat. „Ich weiß nicht, woher ich die Kraft nahm“, sagt Ines Thaller. „Aber irgendwo in mir drin keimte der Gedanke, dass dieser Staat so nicht überleben kann.“

Die Jugendhilfe entließ sie nach zwei Jahren, im Sommer 1988, mit der Volljährigkeit war die Obhut beendet. Als sie Berlin betrat, küsste sie den Boden und betrank sich mit ihren Freunden. Wenn sie mit ihnen über die Bahngleise stolperte, blieb sie dort manchmal einfach liegen, weil sie es wollte. Die Wende brachte die Montagsdemonstrationen, sie ging sofort mit. „Ich war eine von denen, die von der Polizei in Leipzig und Bautzen zusammengeknüppelt wurden“, sagt sie. Doch zum ersten Mal war da keine Angst mehr, sondern Hoffnung.

Ines: Die Menschen trauten sich endlich zu sagen, was sie dachten. Als 1989 die Mauer dann wirklich fiel, hat man mir ein neues Leben geschenkt. Seitdem schaue ich mir jedes Jahr am 9. November die Dokumentationen im Fernsehen an und muss weinen. Dabei weine ich so selten.

Sie wird Mutter, im Juni 1990, der Kindsvater feiert weiter, aber sie will das wilde Leben nicht mehr. Ihre Mutter bietet ihr Hilfe an, kauft einen Kinderwagen, Windeln. Passt auf den Sohn auf, damit Ines Thaller ihr Abitur nachholen und eine Ausbildung zur Bewegungspädagogin machen kann. Später wiederholt die Mutter ihren Einsatz, als Ines’ zweiter Sohn 2007 geboren wird. Aber wenn sie ihre Mutter in dieser Zeit umarmt, wird ihr Körper immer noch ganz fest.

Über das, was im Werkhof geschehen war, sprechen sie nicht. „Meine Mutter hörte nicht hin, wenn ich damit anfing, also ließ ich es irgendwann sein.“ Die Hilfe nimmt sie trotzdem an, sie braucht die Mutter, um Zeit zu haben für ihren Sport, Bodybuilding, Flamencotanz. Auf Stadtfesten tritt sie auf mit ihren Feuershows, näht Kostüme, tanzt auf den Bühnen Berlins, beschäftigt sich mit Yoga, Achtsamkeit und Schamanismus. Aber sie merkt auch: „Irgendwie komme ich in meinem Leben nicht weiter, nicht mit meinen Männern, nicht mit meiner Familie, nicht mit meinem Beruf.“

2014 legt ihre Mutter ihr einen Zeitungsartikel hin. Darin heißt es, dass sich Opfer der Heimerziehung in der DDR noch bis 30. September 2014 für den Heimkinderfonds anmelden könnten, eine finanzielle Entschädigung der Bundesrepublik Deutschland für den erlittenen Missbrauch von beinah 500000 Kindern und Jugendlichen. „Das Geld kannst du gut gebrauchen“, sagt sie. Über den Heimkinderfonds erfährt Ines Thaller auch von der Beratungsstelle „Gegenwind“. Um Bettina Kielhorn zu vertrauen, braucht Ines Thaller ein halbes Jahr. Erst episodenhaft, später chronologisch erzählt sie ihr alles. Von ihrem alkoholkranken Vater, der Zeit als Punk, der Heimeinweisung.

Ines: Eigentlich wollte ich nicht darüber reden. Doch dann war ich einfach nur erleichtert. Endlich war da jemand, der zuhörte und sagte: Ja, so war es. Ich glaube dir.

Dagmar: Ich habe mir irgendwann mal im Fernsehen Dokumentationen über die Jugendwerkhöfe angeschaut. Ich habe es nicht gewusst.

Ines: Mir war klar, dass ich jetzt wirklich an diese Scheiße in meinem Leben ran musste, wenn ich nicht auch noch meine weitere Zukunft davon beeinträchtigen lassen wollte. Ich verstand: Egal was ich mache, ich bin immer auch ein Stück meine Mutter.

Die Therapeutin Bettina Kielhorn motiviert sie, sich ihre Jugendhilfe-Akten zu organisieren. Sie soll selbst erkennen, wie die DDR über sie als „Fehlentwicklung“ geurteilt hatte. Wenn sie von den Sitzungen nach Hause kommt, ist sie manchmal so müde, dass sie sich sofort hinlegt.

Nach knapp zwei Jahren dann bittet sie ihre Mutter dazuzukommen, sie fühlt sich stark genug. Ines Thaller arbeitet mittlerweile selbständig, als Personal Trainerin. Wenn sie anderen Mut macht, muss sie auch selbst mutig sein, sagt sie sich.

Dagmar: Ich bin mitgekommen, weil ich meiner Tochter zeigen wollte, dass ich es ernst meine, wieder eine gute Beziehung zu ihr zu haben.

Es war im selben Raum, in dem die beiden heute sitzen, in dem sie der Mutter erzählte, was man ihr im Jugendwerkhof angetan hatte. Warum sie so verzweifelt war, warum ihr das Leben danach so schwer fiel. Es war das erste Mal, dass ihre Mutter zuhörte. Und dass sie sagte: Es tut mir leid.

Ines: Ich habe anerkannt, dass auch meine Mutter eine Marionette dieses Staates war und es manchmal immer noch ist, wenn sie ihr Verhalten rechtfertigt.

Dagmar: Das mit dem Heim kann ich nicht mehr rückgängig machen. Aber seit der Wende habe ich mich voll reingehängt. Ich habe auf deine Kinder aufgepasst und deine Ausbildung finanziert.

Was wünschen sie sich voneinander, frage ich die beiden.

Ines: Vertrauen.

Dagmar: Dass du siehst, was ich für dich und deine Kinder getan habe.

Ines: Liebe ist aber kein Tauschgeschäft, Mama.

Dagmar: Ich habe nie vergessen, dass du meine Tochter bist.

Versöhnung gelingt, wenn der Täter seinem Opfer die Entscheidung darüber überlässt, ob es ihm verzeiht, und ihm so seine Macht zurückgibt.