In einem Land vor ihrer ZEIT / ZEIT Campus / Dezember 2019
Die meisten ekeln sich beim Schimmel. Es ist ein warmer Oktobermorgen im ehemaligen Gefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Lichtenberg. Liam McArdle, 26, Blumenhemd und roter Zehntagebart, führt eine 9. Klasse aus dem niederländischen Enschede durch das Gebäude, in dem die Stasi in knapp vierzig Jahren rund 11.000 Menschen einsperrte, verhörte und quälte.
»Dieser Raum war mal eine Zelle«, sagt Liam auf Englisch und spricht so langsam, dass ihm jeder Schüler folgen kann. Er zeigt auf die verkalkten Wände eines etwa 20 Quadratmeter großen, fensterlosen Kellerraumes. Zwischen 1951 und 1960 sperrte die Stasi hier mutmaßliche oder tatsächliche Gegner des sowjetischen Regimes ein, darunter auch Autoren, Minderheiten oder Musiker. Den Keller nannten die Häftlinge das »U-Boot«, weil die Luftanlage damals Tag und Nacht dröhnte.
»In den Fünfzigern waren in Zellen wie dieser bis zu 15 Menschen eingesperrt«, sagt Liam, »sie mussten oft 16 Stunden stehen, durften meistens nur alle drei Wochen duschen und bekamen eine Kohlsuppe am Tag.« Er formt seine Hände zu einer Schüssel.
»Aus Zeitzeugenberichten wissen wir, dass es durch den feuchten Atem der Gefangenen schnell schimmelte.« Erst an den Wänden, dann auch in ihren Haaren. »Iuh!«, rufen die Schüler, vier von fünfzehn tragen keine weißen Sneaker. Ihre Lehrerin schüttelt den Kopf. Wie diese Gruppe reagieren die meisten an der ersten Station von Liams Tour, die in 90 Minuten Touristen aus dem Ausland die Machenschaften der Stasi erklären soll. Die Führungen sind für Liam ein Nebenjob, er verdient 45 Euro pro Tour. Eigentlich bereitet er sich auf einen Master an der HU Berlin vor, wieder in Geschichte. An der York University in Toronto machte Liam einen Bachelor mit dem Fokus auf Moderne in Deutschland.
Liam McArdle gehört zu einer neuen Generation von Historikern. Wie Tom Koltermann, der ostdeutsche Musik, und Teresa Tammer, die sich mit der ostdeutschen Schwulenbewegung beschäftigt, braucht er kein dreißigjähriges Jubiläum des Mauerfalls, um sich für ostdeutsche Geschichte zu interessieren. Alle drei sind Historiker, deren Erkenntnisse später vielleicht einmal in Geschichtsbüchern stehen werden und deren Forschung die Erinnerung unseres Landes prägt, vielleicht sogar verändern kann.
Sie haben sich nie getroffen, doch wenn man sie fragt, warum sie Geschichte erforschen, klingen ihre Antworten ähnlich.
Liam sagt: »Die Vergangenheit einer Gesellschaft beeinflusst immer auch ihre Gegenwart.«
Tom sagt: »Geschichte bedeutet, klugzuscheißen und ein Korrektiv für vermeintliche Gewissheiten der Gegenwart zu sein.«
Teresa sagt: »Geschichte differenziert und fragt: War das jetzt wirklich so?«
Eigentlich wollte Tom Koltermann, 25, an diesem Oktobertag in die BStU, die Behörde des Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen in Berlin-Lichtenberg, und zusammentragen, welche Künstler in der DDR unter Beobachtung standen. Doch die Sachbearbeiterin ist krank, und allein darf Tom nicht in den Lesesaal. Ohnehin darf er dort sehr wenig. Handy und PC sind nicht erlaubt. Alle Notizen der Stasi-Mitarbeiter, die er in den Akten findet, muss er abschreiben.
Tom, der so aussieht, als würde er in einer Folk-Band spielen, erforscht, an welche Musik sich Ostdeutsche heute erinnern und ob das exemplarisch dafür steht, wie mit dem kulturellen Erbe der DDR umgegangen wurde. Toms Promotionsprojekt heißt: »Ostrock. Rollen- und Funktionswandel der ostdeutschen Rockmusik seit den 1980er-Jahren« und ist Teil des Forschungsprojekts »Das mediale Erbe der DDR« am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung. Das Institut wurde 1992 gegründet, um die Forschungsprojekte von ost- und westdeutschen Zeithistorikern zusammenzuführen, heute gehört es zu den wichtigsten Forschungseinrichtungen Deutschlands. Bevor Tom hier vor einem Jahr als Doktorand anfing, machte er einen Bachelor in Geschichte an der Uni Hamburg und einen Master in Public History an der FU Berlin.
Die ersten Monate seiner Promotion las er sich in den Forschungsstand zur Erinnerungskultur und Popgeschichte ein und blätterte durch alte ostdeutsche Musikzeitschriften wie Melodie und Rhythmus. Fünf bis sechs Stunden, schätzt er, hörte er pro Woche Musik aus dem Osten Deutschlands. Auf Spotify-Playlists wie der Amiga HITstory 1987 bis 1997 entdeckte er dabei so ziemlich alles, vom Sandmännchen-Techno-Remix bis zu Punkbands wie Die Anderen, die mit ihrem Song Freitagabend in Berlin die Tristesse der DDR besangen, ohne dafür zensiert zu werden.
In seinem Büro tippt Tom »Karat Blauer Planet« in die Suchmaske von YouTube ein und ruft ein Video der Samstagabendshow Ein Kessel Buntes auf, die von 1972 bis 1992 im DFF, der staatlichen Fernsehanstalt der DDR, und später in der ARD lief. Die Rockband Karat singt 1984 in weißen Jeans und mit Vokuhila:
»Tanzt unsere Welt mit sich selbst schon im Fieber? Liegt unser Glück nur im Spiel der Neutronen? Wird dieser Kuss und das Wort, das ich dir gestern gab, schon das letzte sein? Wird nur noch Staub und Gestein, ausgebrannt allezeit auf der Erde sein?«
»Heute würde man den Text natürlich als Bekenntnis zum Umweltschutz lesen«, sagt Tom, »damals besangen Karat eher die Angst vor der atomaren Vernichtung.« Karat und andere Oststrockbands wie die Puhdys, Silly oder City, erzählt Tom, würde von Mecklenburg-Vorpommern bis Sachsen heute nahezu jeder kennen, obwohl sie kurz vor und nach der Wende eigentlich niemand hören wollte. Ostmusik galt als spießig. Gefeiert wurden Hits, die im Westen liefen, von Depeche Mode oder Bruce Springsteen. »Viele Fans scheinen mit dem Hören der Songs heute eine gute, alte Zeit beschwören zu wollen. Eine Zeit, in der sie noch gut von ihrer Rente leben konnten oder sich einander näher fühlten«, sagt er. Durch die Analyse von Internetkommentaren und Interviews mit Zeitzeugen will er herausfinden, was an der Musik und ihrer Erinnerung »ostspezifisch« ist. Dabei hilft ihm auch die Lektüre von englischsprachigen Wissenschaftlern wie dem Historiker Paul Betts oder dem Anthropologen Dominic Boyer, die zur DDR forschen. »Die fragen auch mal: Kann es dort, wo es eine Ostalgie geben soll, nicht auch eine Westalgie geben?«, sagt Tom und wird deshalb auch die Erinnerungen von Westdeutschen an Herbert Grönemeyer, Marius Müller-Westernhagen oder Peter Maffay untersuchen. Und die von Bayern, Kölnern und Hamburgern an deren regionale Künstler. »So kann ich es vermeiden, die DDR zu exotisieren«, sagt er.
Mit ähnlichen Fragen an den Osten und den Westen heranzutreten gehört zu einem neueren Ansatz im Feld der DDR-Forschung, deren Ausrichtung Historiker, Politologen oder Soziologen schon immer kontrovers diskutiert haben. Seit der Gründung des Staates beschäftigten sich Wissenschaftler im Westen wie im Osten mit der DDR. Bis Anfang der Neunzigerjahre stritten sie sich vor allem über die richtige Ostpolitik und die Kritik an der Herrschaft. Oft kritisierten sie sich aber auch gegenseitig dafür, dass die Quellenlage dünn sei, weil es kaum Zugang zu Dokumenten oder Gesprächspartnern gab. Nach der Wiedervereinigung boomte die Forschung. Normalerweise gilt in Deutschland eine Sperrfrist von dreißig Jahren für Archive. Für die DDR aber machte der Deutsche Bundestag nach der Wiedervereinigung eine Ausnahme: Jeder Bürger sollte schnell wissen können, was über ihn dokumentiert worden war. Doch wieder gab es Streit unter den Wissenschaftlern. Diesmal ging es darum, wie sich Museen, Stiftungen und Gedenkstätten ausrichten sollten und wie sehr man sich dabei auf die Stasi konzentrieren dürfe. Bis heute wird die Geschichte der DDR kontrovers diskutiert. Erst im Oktober hatte Mecklenburg-Vorpommerns SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig gesagt, man solle die DDR nicht nur als »Unrechtsstaat« bezeichnen, und dafür Zu- und Widerspruch aus allen Parteien erhalten, auch aus ihrer eigenen.
In der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen ist der Historiker Liam bei seiner Tour mittlerweile im Neubau des ehemaligen Gefängnisses angekommen. Ab 1961 sperrte die Stasi ihre Häftlinge nicht mehr im U-Boot ein, sondern einzeln in eine etwa acht Quadratmeter große Zelle mit einem Bett aus Holz und einer Toilette. Die Stasi-Beamten setzten nun vermehrt auf psychische Gewalt: Erst machten sie den Häftlingen den Schlaf fast unmöglich, danach verhörten sie die Insassen, bis sie andere Oppositionelle verrieten oder selbst überliefen. »Zersetzung« nannte die Stasi diese Taktik. Liam sagt: »Die Gefangenen hörten stetig das Geräusch dieses Türriegels« und lässt einen ebensolchen einrasten. Ganz sanft und doch so laut, dass sich ein paar Schüler erschrecken.
»Was ist das für ein Knopf?«, fragt ein Schüler und zeigt auf einen weißen Lichtschalter, unter dem »Abstellen« steht. »Damit steuerte die Wärter die Spülung der Toilette«, sagt Liam. »Die Gefangenen wurden hier auf unbestimmte Zeit inhaftiert und konnten nichts selbst entscheiden. Nicht, wann sie schliefen, nicht, wann sie aßen, nicht, wann sie ihre Exkremente wegspülten.« Die Schüler verziehen wieder das Gesicht. »Diese Machtlosigkeit, nicht einmal die kleinsten Entscheidungen treffen zu können, ist das Symbol der absoluten Unfreiheit«, sagt Liam. Die Schüler nicken. Zu Beginn der Führung hatte ihre Lehrerin zugegeben, dass ihre Schüler vorher noch nie etwas von der Stasi oder der DDR gehört hätten. Liam ärgert das. Er findet, dass Lehrer, die hierherkämen, ihre Schüler vorbereiten sollten. »Diesen Ort als unterhaltsamen Touri-Ausflug zu betrachten ist dessen, was hier passiert ist, unwürdig«, sagt er.
Kurz nachdem Liam im März seinen Job bekam, übernahm ein neuer Leiter, der Historiker Helge Heidemeyer, die Gedenkstätte. Neue Tourguides wurden eingestellt, auch um die Vermittlung der Geschichte diverser zu gestalten. Damit Liam durch die Gedenkstätte führen kann, musste er eine Prüfung ablegen, in der er seine Chefs herumführte. Zur Vorbereitung hatte er drei Monate wissenschaftliche Literatur und Zeitzeugenberichte gelesen und mit ehemaligen Häftlingen gesprochen. Das Besondere an der neuen Generation von Historikern ist, dass sie andere Fragen stellen. Sie lenken den Blick von den großen politischen Streitfragen auf weniger erforschte kulturgeschichtliche Themen wie Musik und Sexualität. Teresa, dunkelblonde Haare und feine Grübchen, ist 34 Jahre alt, hochschwanger, und bereitet in ihrer Altbauwohnung in Dresden-Striesen Filterkaffee zu. Teresa kommt aus der Nähe von Bautzen und hat an der HU Berlin Geschichte mit dem Fokus auf osteuropäische Geschichte studiert. Sie promoviert seit fünf Jahren, seit einem Jahr arbeitet sie im Deutschen Hygiene-Museum Dresden als wissenschaftliche Mitarbeiterin und erforscht Alltagsgegenstände der Sexualität. Zum Beispiel Kondome der Marke Mondos, die meistgenutzten Präservative in der DDR. An ihrer Promotion, die sich mit der ostdeutschen Schwulenbewegung beschäftigt, arbeitet sie nebenbei, am Wochenende, abends.
»Warme Brüder im Kalten Krieg« ist der Arbeitstitel ihrer Dissertation, eine Anspielung auf ein Zitat von Franz Josef Strauß. 1971 hatte der ehemalige CSU-Chef gesagt, er sei lieber ein kalter Krieger als ein warmer Bruder. Teresa will herausfinden, wie sich die Teilung Deutschlands auf die Menschen auswirkte, die auf beiden Seiten ein ähnliches Interesse hatten, so wie die Schwulenbewegung in West- und Ostdeutschland. Sie fragt sich: Hatten sie die gleichen Ziele? Verstanden sie sich?
Wo gab es Konflikte?
Teresa zeigt auf die Kopie eines Zeitungsartikels, den sie auf ihrem Esstisch ausgebreitet hat. Es ist ein Ausschnitt aus der Emanzipation von 1976, einer queeren, westdeutschen Zeitschrift. Darin hatte ein schwedischer Journalist einen anonymisierten OstBerliner Schwulenaktivisten befragt: »Wir sind sehr isoliert«, sagte er. Teresa hat diesen Satz unterstrichen. »Das ist interessant, weil die Gruppe des gleichen Aktivisten gegenüber den Institutionen der DDR ganz anders auftrat, kaum kritisch.«
Auch Interviews mit Zeitzeugen wie dem Schwulenaktivisten Manfred Herzer aus West-Berlin waren Puzzleteile für das Verständnis der unterschiedlichen Perspektiven. Im Transkript mit Herzer heißt es:
T: Und dann während der Weltfestspiele, … war euch da klar, dass sich da in Ost-Berlin so was wie eine Schwulengruppe bildet? #00:15:44-2# H: Na klar, wir haben die ja auch als unser Kind betrachtet und es gefördert und behütet. #00:15:56-1#
»Dieser Satz, dass sie die Ostbewegung als Kinder betrachtet haben, das zeigt bei allem Engagement der Wessis, wie dem Schmuggeln von Literatur über die Grenze, auch eine paternalistische Haltung«, sagt Teresa. Die schwulen Wessis hätten die schwulen Ossis auch in den Achtzigerjahren ein bisschen von oben herab betrachtet und sich immerzu gefragt: Wie gehen wir nur mit unseren Brüdern im Osten um? »Dieses Selbstbewusstsein muss man sich erst mal leisten!«, sagt Teresa. Die Ossis wiederum sorgten sich vor allem um ihre eigene Situation: »Sie mussten aufpassen, wem sie aus dem Westen ein Interview gaben und wie sie gegenüber dem Staat auftraten«, fasst sie zusammen. Nach der Wiedervereinigung mussten sich die beiden Schwulenbewegungen neu aneinander gewöhnen. Die Beziehung veränderte sich, wie so vieles im Land. Liams Touren folgen immer der gleichen Dramaturgie: Am Ende landet er mit den Schülerinnen und Schülern im »Tigerkäfig«. Die Häftlinge haben die 15 Quadratmeter großen Freiluftzellen so genannt, weil das Stück Himmel über dem Maschendrahtdach das einzige Draußen war, das sie sahen. »Es ist möglich«, sagt Liam, »dass ihr auf Menschen treffen werdet, die das, was hier passiert ist, noch erlebt haben.« Einige Schüler nicken. »Und doch zeigt dieser Ort nur einen Ausschnitt aus der Geschichte. Die DDR, das war nicht nur das hier.« Dreißig Jahre bedeuten in der Geschichtswissenschaft nicht viel, für die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit sind sie aber elementar. Für die Historiker Liam, Teresa und Tom ist die DDR zum ersten Mal ein ganz normales Forschungsobjekt. Sie blicken von außen auf den Staat, dessen Vergangenheit die meisten Deutschen noch selbst erlebt haben. Sie sind die ersten Unvoreingenommenen im eigenen Land.